Persönliche Erfahrungen, Rückblick Teil 2
24.08.2004: Neuseeland - Ticker
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen… Über verrückte Ereignisse und komische Situationen wird meist zu erst berichtet. Nicht minder spannend jedoch sind ganz persönliche Erfahrungen und die damit einher gehenden Veränderungen im Leben des Betreffenden. Der letzte Kiwi-Newsletter gewährt Einblicke in meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse: vor, während und nach der Reise.
Wenn einer eine Reise tut…
Reisen bildet, Reisen erweitert der Horizont, Reisen verändert, … Denkt man einmal darüber nach, was Menschen mit dem Thema Reisen verbinden, ergibt sich eine lange Liste von Beispielen. Zu Reisen bedeutet den meisten Menschen sehr viel. Es gewährt ihnen Einblicke in fremde Kulturen und schafft Abstand zum gewohnten Lebensrhythmus. Oft bedeutet Reisen aber auch einfach nur „Urlaub machen”, die Akkus wieder aufzuladen.
Meinen Jahresaufenthalt in Neuseeland würde ich auf gar keinen Fall mit dem Wort „Urlaub” beschreiben, auch paßt für mich das Wort „Reise” nicht besonders gut. Ich würde eher „Sich auf den Weg machen” dazu sagen. Mit diesem Ausdruck bekommt meine Zeit in Neuseeland noch eine weitere Dimension, jenseits vom Kennenlernen fremder Kulturen und dem Durchwandern schöner Gegenden. Sie wird zu einem Teil der Entdeckungsreise zu mir selbst, einer Art Pilgerwanderung mit dem Ziel, mir selbst besser auf die Spur zu kommen.
Warum es damals zu der Idee für diese Reise kam hatte verschiedene Gründe, zu welchen Selbstfindung nicht in erster Linie zählte. Früher war es eher dieses diffuse Gefühl von Fernweh, dass immer dann aufkam, wenn Leute sich über ihre Auslandsaufenthalte unterhielten. In solchen Momenten glaubte ich etwas wichtiges im Leben zu verpassen, wenn ich diese Erfahrungen nicht auch machen würde. Außerdem bin ich ein relativ offener Mensch der es nicht scheut, sich auf neue Herausforderungen einzulassen (auch wenn es dazu manchmal eines kleinen Anstoßes bedarf.)
Anfang 2002 riß mich ein Gedanke aus meinem Alltagsleben und rüttelte mich regelrecht auf: „Warum nicht einfach alles zurück lassen und ganz weit weg fahren?!” Diese Idee war berauschend reizvoll und gleichzeitig auch so irritierend, dass ich ihrem wahren Ursprung auf den Grund gehen wollte. Damit begab ich mich „auf den Weg”.
Ich wollte genau wissen aus welcher Ecke diese Gefühle kamen, wollte vermeiden dass eine Reise dieser Art zur Flucht (vor was auch immer) werden könnte. Was nützt es schon, wenn man weg fährt und nach seiner Rückkehr feststellen muß, dass die alten Problemchen noch die gleichen sind? Einen neuen Lebensabschnitt, und als solchen kann ich Neuseeland getrost benennen, wollte ich nur beginnen, wenn ich mit dem Alten im Reinen war. Also dann „aufhören”, wenn es am schönsten ist.
Es dauerte ein weiteres Jahr, bis ich zu diesem Schritt bereit war. Von einem Coach ließ ich mich während dieser Zeit beraten, was mir in manchen Punkten viel Klarheit verschaffte. Als Ende 2002 meine Firma Pläne zum Stellenabbau bekannt gab, wertete ich das als äußeres Signal für den richtigen Zeitpunkt meiner Reise – jetzt konnte es theoretisch losgehen.
Erfahrungen und Erlebnisse vor der Reise
Rückblickend betrachtet empfand ich die Tage und Wochen vor meiner Abreise als mindestens genauso bedeutsam, wie das Jahr selbst. Dieses Phänomen kann jeder bestätigen, der in seinem Leben schon einmal wichtige Entscheidungen getroffen hat, die mit großen Veränderungen verbunden waren. Sobald ein konkreter Termin feststeht, an dem es „zur Sache” gehen soll, sobald es beginnt ernst zu werden, setzt sich die Metamorphose in Gang. Ähnlich einer Schlange bei der Häutung, wirft man sein altes Leben ab und etwas neues, großartiges kommt zum Vorschein. Die Veränderung ist unglaublich und fast ist es so, als würde einem das pure Leben selbst durch die Adern fließen. Aufregung, Begeisterung, Erwartung, Vorfreude und Adrenalin vermischen sich mit Skepsis, Unsicherheit und Ungewißheit. Verstand und Gefühle fahren Achterbahn.
Meinen „Tag der Entscheidung” erinnere ich noch sehr genau, er ist mir wie kein Zweiter ins Gedächtnis gebrannt, zumal ich auch meinen 27. Geburtstag feierte. Gemeinsam mit einer Freundin verbrachte ich diesen Tag auf Sylt, von List aus wollten wir am Strand entlang nach Westerland laufen – da klingelte mein Handy. Der Anrufer, ein Abteilungsleiter meiner Firma, wollte mich für sein neues Team gewinnen. Dass meine alte Abteilung die gegenwärtigen Umstrukturierungsmaßnahmen nicht überleben würde, war mir zu diesem Zeitpunkt schon bewußt. Dieses Angebot könnte nun mein Fahrschein aus den Wirren der Reorganisierung werden. Den Hörer ans Ohr gedrückt saß ich am Strand der Nordsee und blickte auf die schäumenden Wellen – doch im Geiste stand ich an einer Weggabelung meines Lebens. Das Gefühl die Fäden selbst in der Hand zu halten, kann man direkter kaum spüren, glaube ich. Wendete ich mich nach rechts, erwartet mich ein relativ abgesichertes und planbares Leben. Ein Schritt nach links und nichts wäre mehr sicher und vorhersehbar. Nur soviel vielleicht, dass spannende Abenteuer auf mich warten würden und sich mir diese Chance im Leben sicher so schnell nicht wieder bieten würde. Es mag pathetisch klingen, aber in diesem Moment folgte ich einfach der Stimme meines Herzens. Sie riet mir, meine Träume zu leben und mich von vermeintlichen Sicherheiten nicht beirren zu lassen. Das Kribbeln im Magen und die Gänsehaut schienen nicht mehr vergehen zu wollen, als ich meinen Entschluß kund tat und damit quasi meine Kündigung aussprach. Ich hatte meinem Leben eine neue Richtung gegeben.
Wie schon erwähnt, das war der erste große Schritt und gleichzeitig auch einer der größten persönlichen Veränderungen die ich erlebte. Nachdem diese Entscheidung getroffen war, spürte ich jeden Tag direkt und unmittelbar das Leben in mir pulsieren. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte mich, welches nur selten von Ängsten oder Sorgen unterbrochen wurde. Zweifel an der Neuseeland Aktion kamen meist dann, wenn ich selbst gerade nicht in Form war. Mit einer Schnief-Nase oder Bauchschmerzen läßt es sich nicht gut an ein fernes Land denken, aber das lernte ich bald zu trennen.
Wo ich auch war, ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Das war kein hämisches Grinsen nach dem Motto: „ich mache jetzt ein Jahr Urlaub – und ihr nicht!”, es war vielmehr die Vorfreude auf das, was vor mir lag. Es war die Begeisterung darüber, dass ich tatsächlich ausgebrochen war, dass ich einen so großen Schritt gewagt hatte! In diesem Siegestaumel roch die Luft plötzlich würziger, der Himmel war um so vieles blauer und alles, einfach alles erstrahlte in helleren Farben. Ich denke die meisten konnten das Leuchten in meinen Augen sehen und die Energie spüren, die durch meinen Körper floß.
War das auch der Grund, warum der Sog der Liebe mich erfaßte, mich fortriß wie ein reißender Strom, so kurz vor meinem Abflug? Es heißt ja, dass man gerade während großer Veränderungen offener und ungezwungener ist. So flammte plötzlich die Liebe zwischen zwei Menschen auf, die das gar nicht fassen konnten und von den Ereignissen förmlich überrumpelt wurden. Ich schwebte ja schon auf Wolke 7 und wurde nun noch einmal höher in den Himmel katapultiert. Wenn das ein Test sein sollte, wie ernst ich meine Neuseelandpläne wirklich nahm, dann war es ein perfider Plan. Letztendlich bin ich doch gefahren, weil ich wußte wie wichtig diese Reise für mich sein würde. Doch nun konnte ich mich immerhin auch schon auf meine Rückkehr freuen.
Den Ausgang dieser Beziehung möchte ich nicht weiter als Spannungselement benutzen und die späteren Ereignisse etwas nach vorne ziehen: Über ein halbes Jahr lang beschäftigte mich diese Verbindung - in der ersten Zeit etwas “überschattet” durch die Eindrücke im neuen Land - doch immer wieder flammten mein Begehren und meine Sehnsucht nach dieser Frau auf. Zuletzt so sehr, dass ich bereit war meinen Neuseelandaufenthalt vorzeitig abzubrechen. Dieser Wandel in meinem Wertesystem war eine sehr wichtige Erfahrung für mich, eine Erfahrung die ich ohne meine Reise so nicht gemacht hätte. Leider kam der Sinneswandel zu spät…
Wenden wir uns wieder den Ereignissen vor der Reise zu. Die Organisatorischen Dinge wie Visum und Krankenversicherung waren schnell erledigt. Viel wichtiger war das Abschied nehmen von den Verwandten, lieben Freunden und meiner Wahlheimat Hamburg. Auch waren meine persönlichen Sachen zu sichten, auszusortieren und/oder zu verschenken. Insgesamt war es eine Periode des „los-lassens”, mit der ein spannender Prozeß in Gang gesetzt wurde.
Gerade von den mir wichtigen Menschen wollte ich mich „richtig” verabschieden, wollte sie mit ihrem Alltag, ihren Sorgen und Problemen in Deutschland zurück lassen. Wie sonst wäre es mir möglich gewesen, ohne Gewissensbisse und Zweifel meines Weges zu ziehen? Zurückblicken konnte und wollte ich nicht, sonst hätte mich das Heimweh in seinen Bann geschlagen und ich wäre für neue Erfahrungen nicht frei gewesen. In Anbetracht der Liebesgeschichte war das natürlich ein heikler Drahtseilakt, der mich vielleicht etwas kühl und distanziert erscheinen ließ.
Einem Befreiungsschlag gleich erlebte ich die Loslösung von Dingen die mir als wichtig erschienen. Mein Motorrad verkaufte ich mit einem weinenden und einem lachenden Augen. Ich war froh mich nicht mehr darum kümmern zu müssen, dachte aber auch gern an die berauschenden Stunden zurück, die ich damit verbracht hatte. Die Stereoanlage und hunderte von CDs verpackte ich mit einem Lächeln. Alles was ich von nun an brauchte, paßte in einen mittelgroßen Rucksack. Mir wurde deutlich bewußt, wie sehr mein Herz in der Vergangenheit an toten Gegenständen gehangen war und wie gut es sich anfühlte, davon frei zu werden.
Von nun an wurde auch jeder Gang durch die Hansestadt von wehmütigem Abschiednehmen begleitet. Plötzlich sah ich meine Umgebung wieder mit den Augen eines staunenden Touristen und entdeckte einmal aufs neue, wie wunderschön „meine” Stadt doch war. Intensiv genoß ich die letzten Tage und schätze mich glücklich, hier leben zu dürfen.
Erfahrungen und Erlebnisse während der Reise
Es fällt mir schwer eine Erfahrung herauszugreifen, die für mich die Bedeutendste während meiner Reise war. Vielmehr sind es eine Menge verschiedener Erlebnisse und Episoden, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Kurz nachdem ich in Auckland gelandet war, mußte ich mich zunächst mit einem völlig neuen Lebensrhythmus und einer neuen Lebenssituation vertraut machen. Als klassischer Tourist war ich es gewöhnt, in kurzer Zeit von einem neuen Land möglichst viel mit zu bekommen. In diesem Tempo wäre ich mit Neuseeland in vier bis sechs Wochen „durch” gewesen. Ich war also weder Tourist noch Einheimischer und mußte mir erst einen Mittelweg, meinen Weg, suchen. Unweigerlich führte dies zu der Frage, was ich hier eigentlich mit einem ganzen Jahr anfangen wollte und wie ich es füllen könnte? Lediglich eine grobe Planung existierte: sechs Monate Nordinsel und sechs Monate Südinsel. Dieses hin und her, zwischen der Euphorie endlich hier zu sein, über so viel Zeit verfügen zu dürfen einerseits und der Ratlosigkeit wie ich damit umgehen sollte andererseits, stürzte mich am Anfang in ein ziemliches Wechselbad der Gefühle. Langsam wurde ich schließlich ruhiger, gewöhnte mich an den neuen Rhythmus und merke, dass ich endlich in Neuseeland angekommen war. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis ich mir Pläne für dessen Eroberung zurecht legte und in mir wuchs die Begeisterung darüber, wie die Dinge ins Rollen kamen. Auch das Reisen ist ein Handwerk, was erlernt werden will.
Der Kauf eines Wohnmobils war eine Entscheidung mit großer Tragweite und präge die ersten sieben Monate auf intensive Weise. Mit meinem eigenen zu Hause auf vier Rädern lag mir das Land praktisch zu Füßen, dass war Unabhängigkeit und Freiheit pur. Gleichzeitig mußte ich mich mit meinem Fahrzeug immer wieder auseinander setzen und wenn es nur die Sorge darüber war, ob der Van auch durchhalten würde. So ganz frei konnte ich mich davon nie machen, das beeinträchtigte mich manchmal und ich vermißte eine Person mit der ich mich darüber hätte austauschen können.
Mit einem Wohnmobil reist man meist allein. Einen Preis, den ich für meine individuelle Freiheit zahlen mußte. Da die Campingplätze während der Nebensaison kaum belegt und auch sonst nur wenig Menschen unterwegs waren kam es vor, dass ich tagelang so gut wie kein Wort sprach. Zum Einsiedlerdasein bin ich wahrlich nicht geboren, mit mir allein sein kann ich aber sehr gut und habe mich deshalb auch nur selten einsam gefühlt. Es war spannend, täglich neu auf mich selbst zurückgeworfen zu sein. Um diesen Zustand zu intensivieren, vermied ich es auch, mich von mir selbst abzulenken. Ich wollte meinen Stimmungen immer genau auf den Grund gehen, sehen was dahinter steckt. Bei dieser Art der Selbstreflektion lernte ich eine ganze Menge. Zum Beispiel, wie grausam man manchmal mit sich selbst umgeht, sich mit immer wiederkehrenden Gedanken und (irrsinnigen) Vorstellungen quält. Im Alltag zu hause bleibt das meist unbemerkt, zu erreichbar sind Radio, Fernseher oder andere Ablenkungen.
In ähnlichem Zusammenhang stand die Frage, woraus ich meine Zufriedenheit und mein Selbstwertgefühl ziehe. Dieser Frage einmal ganz elementar, quasi von der Basis aus nachgehen zu können war eine große Chance! Das meine ich in dem Sinne, dass ich in meinem Wohnmobil sehr einfach lebte, mit wenigen Dingen auskam und mich außerhalb der Reichweite der Konsummaschinerie bewegte. Wieder einmal zeigte sich, wie sehr die ganz einfachen Seiten des Lebens Frieden und Ausgeglichenheit bringen.
In Strandspaziergängen und Wanderungen fand ich immer meine Ruhe wieder, ein leckeres Mahl rundete so einen Tag perfekt ab, mehr brauchte ich nicht. Sobald ich in größere Orte oder Städte kam, sah ich mich wieder mit Hektik und Streß konfrontiert, die Werbebotschaften weckten auch bei mir Begehrlichkeiten. Es ist schwer sich aus dieser Sache völlig heraus zu ziehen. In heutigen Tagen kann ich mich immer nur wieder auf meine Zeit in Neuseeland besinnen, mir ins Gedächtnis rufen, dass ich doch eigentlich nur wenig brauche um glücklich zu sein.
Ganz im Gegensatz zu meinem Einsiedlerdasein standen die Erfahrungen, die ich mit den Reisebekanntschaften machte, mit denen ich gemeinsam durchs Land zog. Zweimal wurde ich aus Deutschland besucht und zwei mal lernte ich liebe Menschen kennen, mit denen ich jeweils mehrere Wochen unterwegs war. In jedem Fall lebte ich viele Tage (24 Stunden täglich) mit einer Person zusammen und teilte mein ca. drei Quadratmeter großes Wohnmobil mit ihr. Ein ideales Training in Sachen Kompromißbereitschaft, Einfühlungsvermögen und Ausgeglichenheit. Ich war selbst erstaunt, wie gut es jeweils klappte, zumal ich die letzten drei Jahre in Deutschland allein gelebt hatte. Natürlich mußte ich darauf achten, meine Freiräume zu behalten und auch immer wieder Zeit für mich selbst zu haben. Jedoch war die Erfahrung, einem anderen Menschen ganz intensiv zu begegnen, eine großartige Sache.
Über jeden Kilometer der zwischen mir und Deutschland lag, war ich sehr froh und dankbar! Schafften diese Kilometer doch den nötigen Abstand, das alte Leben, die alte Heimat in einem neuen Licht betrachten zu können. Mit dem neuseeländischen „way-of-life” vor Augen, ergab dies interessante Einblicke! Ich machte mir über die Verbissenheit meiner Landsleute Gedanken, mit der sie dem Geld hinterher jagen. Über die extreme Fokussierung auf den Job, den pedantischen Perfektionismus, das verkrampfte Selbstbild und die ewige Klage über die eigene Situation. Nicht umsonst spricht man im Ausland von „German angst”. Aktuelle Meldungen aus der Heimat, über die derzeitige schlechte Stimmung, verstärken nur noch mein Bild von uns “hysterischen Deutschen”. So etwas nennt man auch „Jammern auf hohem Niveau”.
Dagegen zeigten mir die Kiwis, dass man mit weniger Materialismus leben kann und vor allem der Spaß im Leben nicht zu kurz kommen darf. Ich weiß nicht ob ich mich an die Lebensumstände in Neuseeland gewöhnen könnte, aber ich fand es sehr faszinierend, die Lebensphilosophien der unterschiedlichsten Leute kennen zu lernen. Ein 63jähriger Buchhändler riet mir: „Have fun while you are young!” Die Betreiber der Beaconstone Lodge (südl. von Westport) erzählten mir von der Motivation für ihre Arbeit: „Wir dachten es würde einfach großen Spaß machen ein Hostel zu eröffnen – und es macht wirklich großen Spaß!” Ein anderer Kiwi arbeitet zwar jeden Tag ein bißchen, aber nie so viel dass er nicht auch noch segeln oder golfen gehen könnte. In Takaka wohnt ein Apotheker aus Kanada, der jährlich acht Monate in Montreal arbeitet, um dann vier Monate in seinem Haus in der Golden Bay zu verbringen. Dort kümmert er sich ganz um sein Hobby. Joe, der Tourguide von „Safari of the Rings”, berichtete mir mit leuchtenden Augen, was für ein Gefühl es sei, wenn er mit seinem Boot auf dem Lake Wakatipu angeln geht.
Ich bewunderte diese entspannte und unbeschwerte Haltung! Was hindert mich eigentlich daran, ein vergleichbares Leben zu führen, fragte ich mich? Wie sehr lasse ich mich immer wieder von Erziehung, Prägung und von dem was „man” macht und was „man” nicht macht einfangen?
Der Abstand von zu hause gab mir nicht nur die Möglichkeit über den Deutschen Lebensstil nachzudenken. Ich betrachtete auch viele meiner Freundschaften in einem anderen Licht. Durch meine freie Zeit hatte ich plötzlich zu mehr Menschen einen intensiven Kontakt, als noch von Hamburg aus. In gewisser Weise kompensierte ich mit den unzähligen Stunden, die ich mailschreibend in Internetcafés verbrachte, meine Einsamkeit. Der Kiwi-Newsletter wurde zu einem ständigen Begleiter. Beispielsweise überlegte ich schon während einer Wanderung, wie ich das Erlebte meinen Freunden zu Hause auf spannende Weise vermitteln könnte…
Freunde würden mich als einen selbstbewußten, offenen Menschen beschreiben. Trotzdem habe ich das Gefühl „noch” selbstbewußter geworden zu sein. Das war auch eine der wichtigen Erfahrungen meiner Reise. Im Nachhinein betrachte ich die schwierigen Situationen natürlich als Kleinigkeiten, es war ja nicht der afrikanische Busch, in dem ich unterwegs war. Es war „nur” ein Europa ähnliches Land, in dem Englisch gesprochen wurde. Existentielle Dinge wie Nahrung, Unterkunft und Sicherheit waren genauso wenig Thema, wie beispielsweise die Überwindung eines Kulturschocks bei der Ankunft im Land. Doch die Tatsache, dass ich allein unterwegs war und alles mit mir selbst ausmachen mußte, jedes Problem selbst verarbeiten mußte, machte das Leben spannend. Da wurden auch kleinere Sachen schnell mal zu großen Angelegenheiten. Beim Wildcampen fühlte ich mich zum Beispiel nie recht wohl und machte mir viel zu viele Gedanke. Obwohl es in Neuseeland überhaupt keinen Grund zur Sorge über die eigene Sicherheit gibt, übernachtete ich nur äußerst selten abseits der Campingplätze.
Der Besuch zahlreicher Autowerkstätten, die Verhandlungen mit Mechanikern über ein Fachgebiet, welches ich nicht einmal auf deutsch richtig verstehen würde, die Angst irgendwo in der Wildnis bei strömendem Regen liegen zu bleiben,…, das alles kostete auch so manche Nerven. Es lehrte mich jedoch, in schwierigen Situation Ruhe zu bewahren und überlegt an die Lösung des Problems heranzugehen. Auch dann entspannt zu lächeln, als die Autowerkstatt mir riet, das Fahrzeug lieber gleich hier an Ort und Stelle verschrotten zu lassen.
Zu den schwierigen Situationen gehörten aber auch Wut und Ärger, die sich durchaus bei mir aufbauen konnten. Sei es zum Beispiel dadurch, dass ich mich ungerecht behandelt fühlte oder von jemand blöd „angemacht” worden war. Wenn man alleine ist, dann trifft einen so etwas tiefer als gewöhnlich und es dauert länger damit fertig zu werden. Mit mehr Selbstbewußtsein konnte ich diesen Situationen besser begegnen.
Mein Wohnmobil verkaufte ich Anfang Dezember, ich wollte bewußt eine Veränderung in der Art des Reisens herbeiführen. Von nun an lebte ich meistens in Hostels und Backpackers, aber auch mal in einer WG in Christchurch. Jeden Abend neue Menschen kennen zu lernen hatte zweierlei Qualitäten. Zum einen war es spannend und interessant, ständig mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen, manchmal war es aber auch nur anstrengend. Sich täglich neu auf jemanden einzulassen, Freundschaften für einen Abend zu schließen oder sich abzugrenzen kostete Kraft. Dafür entstanden oft viel tiefer gehende und persönlichere Gespräche als zu hause in Deutschland. Globetrotter als Völkchen an sich, sind einfach offener, aufgeschlossener und in der Regel auch direkter. Auch die Tatsache, dass man sich vielleicht nur dieses eine mal im Leben trifft, lockerte die Zunge. Da wurde ich schon mal mit den Worten begrüßt: „Hallo ich heiße Phill! Na, wovor läufst Du denn davon?”
Die Reisenden mit einem kleinen Zeit Budget konnte ich nur bedauern. Kristallisierte sich in einem Hostel eine gute Gemeinschaft heraus, konnte ich meinen Aufenthalt spontan um ein paar Tage verlängern, während andere an einen Zeitplan oder Reservierungen gebunden waren. Diese bunt zusammengewürfelten, aber gut harmonierenden Zufallsgemeinschaften waren mit das Schönste was ich erlebte! In einer Unterkunft entstand spontan ein großes Festmahl, zu dem jeder etwas beisteuerte. Lange saßen wir gemeinsam um den Tisch, lachten und scherzten wie alte Freunde. Wiederum in einem anderen Hostel verlängerte ich meinen geplanten Aufenthalt von zwei Nächten auf fast zwei Wochen, so gut war die Stimmung. Sicherlich steckte dahinter auch die Sehnsucht nach einem festen Bezugspunkt, einer Heimat, einer Art Familie.
Bereichert hat mich auch die Zeit, die ich meinen Hobbys widmen konnte. Als ich mich auf die Fahrt vorbereitete stand fest, dass ich natürlich auch meine Kameraausrüstung einpacken wollte. Fotografieren war schon immer ein Hobby von mir, welches ich aber zuletzt nur noch im Urlaub ausübte. In Neuseeland konnte ich diesem Steckenpferd ganz freien Lauf lassen und mich täglich damit beschäftigen.
Ganz neu hingegen entdeckte ich für mich das Schreiben. Als mein Freund Stefan mir anbot, meine Rundbriefe auf seiner Website groenveld.de zu veröffentlichen, weigerte ich mich zu Beginn etwas. Ich wollte nicht in den Zwang geraten, immer berichten zu müssen. Schließlich nahm ich das Angebot doch an. Sehr bald merkte ich, dass es mir großen Spaß macht mich schriftlich auszudrücken. Und Ihr, meine lieben Leser, habt mich in zahlreichen eMails wissen lassen, dass ich Euch mit meinen Texten alles andere als langweile. Dies hat mich sehr ermutigt und bestärkt!
In der Schaffensphase des Schreibens und Fotografierens erlebte ich mich selbst auf eine neue Art und Weise. Während ich kreativ tätig war, wurde ich jedesmal von einer Begeisterung ergriffen, die mich zufrieden und glücklich machte. Ich merkte wie wichtig es ist, aus dieser Quelle zu schöpfen und Sorge zu tragen, dass sie immer munter weiter sprudeln kann. Warum räumt man im Alltag diesen Dingen oft zu wenig Zeit ein?
Erfahrungen und Erlebnisse nach der Reise
Nach der Reise war erst einmal alles sehr verwirrend für mich. Wie ich im letzen Artikel schrieb, fühlte es sich ungewöhnlich vertraut an, wieder in Deutschland zu sein. So sehr, dass ich fast glaubte nicht weg gewesen zu sein! Deshalb konnte ich auch auf Fragen wie: „na, was hast Du denn persönlich für Dich aus Neuseeland mitgenommen?” zuerst gar nichts antworten. Letztlich dauerte es drei Monate, bis ich wieder richtig in Deutschland angekommen war. Vor allem die Beschäftigung mit diesem Newsletter ließ mich die ganze Reise noch einmal Revue passieren, mich über einiges neu nachdenken. Jedem der so eine Reise macht kann ich nur raten, nicht nur während der Zeit intensiv Tagebuch zu führen, auch danach noch einmal in Ruhe Stück für Stück die Erlebnisse nachzuempfinden.
Da ich gerade immer noch in dem Prozeß der Nachbereitung bin, möchte ich darauf etwas intensiver eingehen. Wie erwähnt, erlebte ich die Rückkehr nach Deutschland als ziemlich krassen Einschnitt. Es gab zwar keinen Kulturschock, der mich sichtbar mitgenommen hätte, ganz im Gegenteil: alles war viel zu normal! Das Leben ging im Prinzip dort weiter, wo es ein Jahr zuvor geendet hatte. Nur dass ich natürlich mit Fragen über das Wie und Warum „bestürmt” wurde. „Was hat Dir das Jahr denn gebracht?” „Was hast Du gelernt? Du hast doch hoffentlich was gelernt?” „Nun sag schon, wie war es denn?” Diese Fragen verunsicherten mich und ich ließ mich von ihnen unter Druck setzen. Hatte ich in Neuseeland nicht genug „aufgepaßt”? Hätte ich mehr „lernen”, vielleicht auch mehr arbeiten sollen? Ist mein Englisch wirklich so gut geworden, wie alle meinen dass es sein müßte? Schließlich war ich ja ein ganzes Jahr im Englisch sprachigen Neuseeland! Spontan und unvermittelt konnte ich zu Anfang auf all diese Fragen nicht antworten.
Erst nach und nach begann ich die Erlebnisse zu verarbeiten, fing an einen Kontakt zu ihnen herzustellen. Dieser Prozeß brauchte seine eigene Zeit, seinen eigenen Rhythmus, das mußte ich erst lernen. Auch von dem Erfolgsdruck großartige Ergebnisse liefern zu „müssen”, befreite ich mich. Es waren die kleinen Dinge die für MICH zählten. Die kleinen persönlichen Veränderungen, die sich irgendwann zu einem großen Ganzen zusammensetzen würden. Und um den Gedanken der „Reise zu sich selbst” in der Einleitung wieder aufzugreifen: ich habe die Fahrt nicht unternommen, um „irgendwo” anzukommen, nicht um das Ziel am Ende des Weges zu erreichen, sondern um ein Stück des Weges selbst zu gehen. So wie es war, hat es sein sollen.
Im Gegensatz zu den eben genannten, recht subtilen Veränderungen, zeigt sich eine andere Sache ganz deutlich. Das Zusammenleben mit vielen Menschen in Hostels und Backpackers hat mich dahin gehend geprägt, dass ich künftig lieber in WGs wohnen möchte, als alleine. Soll nicht heißen, dass ich auch weiterhin gern mit vier, acht oder zehn Leuten in einem Zimmer schlafen will – das nervte natürlich manchmal sehr. Doch der (all-) tägliche Umgang mit Menschen (die zu Freunden werden) ist um so vieles bereichernder, als das Leben in den „eigenen” vier Wänden. Vor der Reise war mir meine eigenen 55qm Wohnung in HH-Alsterdorf ziemlich wichtig, derzeit bin ich froh darüber, mich überhaupt auf 14qm ausbreiten zu dürfen und genieße den guten Kontakt zu meinem WG Mitbewohner Christian.
Insgesamt bin ich in Neuseeland wohl ausgeglichener, entspannter und nachdenklicher geworden. Schon vor der Reise hätte ich mich so eingeschätzt, doch es ist durchaus spürbar, dass ich mich in dieser Richtung weiter verändert habe. Vielleicht ist es die Weite der Landschaft, die einen gelassener werden läßt, der ruhigere Lebensrhythmus und die Muße zur Kontemplation. Es sind aber auch die Menschen vor Ort, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Menschen, deren Wesenszüge in vielerlei Hinsicht anders sind, als die der Deutschen. Verbissenheit, Hast und Unruhe findet man in Neuseeland einfach seltener.
Mit der neu gewonnenen Unbeschwertheit fällt es mir leichter, mich dem Kampf auf dem Arbeitsmarkt zu stellen und dabei nicht in falsche Hysterie zu verfallen. Mit meinen Eindrücken von dem Erste-Welt-Land Neuseeland ist es sowieso nicht möglich, in das unartikulierte Geheul einzustimmen: „allen geht es schlecht”, „in Deutschland ist alles einfach nur scheiße”. Das schöne am Reisen ist ja auch gerade die Erweiterung des Horizonts. Man sieht plötzlich vieles in einer anderen Relation. Und verglichen mit Neuseeland haben wir es hier in Deutschland sowieso viel besser.
Fazit der Reise
Zusammenfassend kann ich nur sagen, ich bereue nicht im geringsten, diese Reise unternommen bzw. begonnen zu haben. Letztendlich geht es ja darum, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und es aktiv zu gestalten. Mit der Entscheidung für Neuseeland bin ich einen weiteren Schritt auf diesem Weg gegangen. Es war eine Entscheidung gegen die vermeintlichen Sicherheiten die ein „fester” Job bietet, eine Entscheidung gegen das bequeme Leben, welches in absehbaren Bahnen verläuft. Eine Entscheidung, die von der Mehrheit gesetzten Normen zu verlassen, über Grenzen hinweg zu schauen und sehen was dahinter im Unbekannten liegt. Zu spüren wie es sich anfühlt den eigenen Weg zu gehen, für den es nicht unbedingt eine vorgefertigte Landkarte gibt. Königin Kristina von Schweden prägte den Spruch: „he that chooses his own path needs no map” Sehr passend, wie ich finde.
Wie geht es weiter?
Eine sehr spannende Frage! Eigentlich hatte ich erwartet, mit einem fertigen Plan für mein Leben aus Neuseeland zurückzukommen. Zeit genug mir Gedanken zu machen hatte ich ja. An Gedanken und Ideen mangelte es ja auch nicht. Gleich mit einem konkreten Konzept in der Tasche auf dem Frankfurter Airport aufzuschlagen, war jedoch wieder typisch für meine Art mich selbst unter Druck zu setzen. So einen Plan macht man nicht mal eben in einem Jahr (manche schaffen es in ihrem ganzen Leben nicht.)
Wie geht es weiter? Zunächst einmal bin ich wieder in Deutschland, eingebunden in das mir bekannte System, jedoch mit einem neuen und größeren Erfahrungshorizont. Mit Eindrücken die es mir ermöglichen, unsere Gesellschaft und mein Leben in einem neuen Licht zu sehen, festzustellen das alles seine zwei Seiten hat – mindestens zwei!
Ich weiß nun wie es sich anfühlt, alle Sicherheiten über Bord zu werden, wider „aller Vernunft” den Job zu kündigen und ein Jahr auszusteigen. Im Gegenzug habe ich die Erfahrung gemacht, dass es auch nicht immer leicht ist mit totaler Freiheit umzugehen – so ganz ohne Regeln und gesunder Routine. Während meiner Arbeit im Weinberg wurde mir einmal spontan der Job gekündigt, nach dem Motto: hire and fire. Doch Kiwis sehen das ganz locker, man sucht sich einfach was neues. In Deutschland hat man zum Glück mehr Rechte als Arbeitnehmer, dafür sind hier ziemlich viele verbissen und unentspannt bei der Sache. Bei all dem Reisen, frei wie ein Zugvogel, habe ich eine wachsende Sehnsucht nach Zugehörigkeit in mir gespürt. Da war sicher auch ein Teil Heimweh mit im Spiel, doch ich war mir auch durchaus bewußt, wie wenig geerdet man beim Reisen ist. In Deutschland habe ich einen Teil meiner Wurzeln, hier fühle ich mich zugehörig. Ja, es ist wirklich cool durch fremde Länder zu ziehen, dem Lauf der Sonne nachzublicken und es sich gut gehen zu lassen. Doch was macht man, wenn man am Strand liegt und den Wellen zuschaut? Man stellt sich vor wie es wäre, ein ganz „normales” Leben zu führen, mit einem Job, Freunden und vielleicht sogar eigenen Kindern. Zumindest ging es mir so.
Manchmal denke ich, das ein Leben gar nicht ausreichend ist, um all die wunderbaren Möglichkeiten auszuschöpfen die es bietet! Dazu bin ich auch noch ein Typ, der sich viele verschiedene Lebensstrategien für sich vorstellen kann. Das macht es nicht leichter die richtige Wahl zu treffen, oder einen/den „Plan fürs Leben” aufzustellen. Vielleicht sollte ich mich doch mal mit dem Thema Wiedergeburt beschäftigen
Wie geht es weiter? Wenn ich früher immer darauf bedacht war, bloß nicht in die Spießer Ecke gestellt zu werden, so sehe ich heute ein „normales Leben” als EINEN durchaus erstrebenswerten Weg. Die Kunst ist, zufrieden mit seinem Leben zu sein! Nach Neuseeland weiß ich nun ein bißchen besser, wie ich meine persönliche Zufriedenheit erreichen kann. Weiß ein bißchen genauer, was ich will und was ich nicht will. Und dieses bißchen an Wissen ist doch schon eine ganze Menge, finde ich…
