Halbzeit in Neuseeland - die ersten 6 Monate
17.10.2003: Neuseeland-Ticker
Vor einem halben Jahr bin ich morgens (fast wie immer) zur U-Bahn gelaufen, nur dass mein Ziel diesmal nicht der Millerntorplatz in Hamburg war, sondern Auckland, am anderen Ende der Welt!
Einen Rucksack voller guter Ratschläge trug ich auf meinem Rücken, meine Wohnung war auf zwei Jahre vermietet (vorsichtshalber) und aus Spass hatte ich sogar mein Testament gemacht. Ich verliess das Haus, wusste nicht genau was mich erwartet, ja nicht einmal wann und ob ich wieder zurück kommen würde.
Kannst Du Dir vorstellen, was dass für ein Gefühl ist? Wie man alles in Frage stellt auf der einen Seite und andererseits vor Begeisterung fassungslos ist?
Lieber Freund,
ich wollte Dir schon lange mal schreiben und Dir berichten, wie es mir hier in Neuseeland geht. Stell Dir vor, jetzt bin ich sechs Monate hier, die Zeit vergeht auch am anderen Ende der Welt ziemlich schnell. Wahrscheinlich hast Du mich noch nicht einmal richtig vermisst, oder? Vor einem halben Jahr bin ich morgens wie immer zur U-Bahn gelaufen, nur dass mein Ziel diesmal nicht der Millerntorplatz war, sondern Auckland, am anderen Ende der Welt! Einen Rucksack voller guter Ratschläge trug ich auf meinem Rücken, meine Wohnung war auf zwei Jahre vermietet (vorsichtshalber) und aus Spass hatte ich sogar mein Testament gemacht. Ich verliess das Haus, wusste nicht genau was mich erwartet, ja nicht einmal wann und ob ich wieder zurück kommen würde.
Kannst Du Dir vorstellen, was dass für ein Gefühl war? Und da sass ich nun plötzlich im Flugzeug, beobachtete wie Frankfurt immer kleiner wurde und heisse Tränen liefen mir übers Gesicht - ich dachte: jetzt geht es los, meine grosse Fahrt, die große Freiheit beginnt. Dass ist ein Moment, in dem das pure Leben selbst durch deine Adern fliesst.
Der aufregende Beginn der Reise scheint schon weit zurück zu liegen, denn mittlerweile lebe ich hier “ganz normal” mein Leben. Es mag sich für Dich vielleicht komisch anhören, aber das Reisen als “Dauer-Tourist” ist zur Normalität geworden. Es zeigt sich wieder einmal, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Ich will nicht sagen, dass es langweilig geworden ist, auch kann ich nicht vom “grauen Alltag” sprechen - ich habe mich einfach nur ein bisschen an das Reisen gewöhnt. Wie bei einer Liebesbeziehung ist die anfänglich rosa-rote Sicht der Dinge einer anderen Qualität gewichen. Es geht mir nicht mehr darum, möglichst viel von Neuseeland zu entdecken. Viel wichtiger ist es geworden zu beobachten wie ich mich verändere, was das Reisen in mir auslöst, was mit mir persönlich passiert. Das geht sicher nicht von heute auf morgen und meine ersten fünf Monate auf der Nordinsel betrachte ich daher eher als “warm up”. Veränderung passiert vor allem in der Interaktion mit Menschen und während der Nebensaison habe ich davon auf den leeren Campingplätzen des Nordens nicht gerade viele kennengelernt, auch “auf der Strasse” nicht. In dieser Hinsicht ist es nicht gerade ideal, alleine mit einem Wohnmobil herumzureisen.
Ja, ich bin ein kontaktfreudiger Mensch, aber es hat auch seine Zeit gebraucht, bis ich hier “meinen Platz” gefunden habe. Manchmal frage ich mich immer noch, ob die Menschen auf der Südinsel einfach viel offener sind oder ob ich mich nur verändert habe. Als ich hier im Süden ankam erschien mir das Land plötzlich so anders, soviel freundlicher und herzlicher.
Eigentlich hatte ich nicht wieder vor, alleine Urlaub zu machen. Zu diesem Schluss kam ich nach einer dreiwöchingen Tour durch Norwegen 1997. Trotzdem bereue ich meinen Entschluss nicht. Es ist natürlich manchmal nicht so einfach, man muss schliesslich alle Entscheidungen mit sich selber ausmachen und seien sie noch so banal. Stell Dir vor Du wachst morgens auf und es verspricht ein wunderschöner Tag zu werden. Was würdest Du machen, bleibst Du noch einen Tag länger am gleichen Ort, weil es hier gerade so schön ist, oder denkst Du Dir, dass das Wetter genau richtig ist, um eine neue Gegend kennenzulernen? Should I stay or should I go? Ha! dass sind Probleme, was? Schlimmer ist es, wenn ich mich über eine Sache oder Person ärgere, dann gibt es selten jemand der sich das anhört - nur in meinem Tagebuch kann ich es verarbeiten. Auch bei schönen Momenten kann ich nur zu mir selber sagen: “man Johannes, was für ein herrlicher Sonnenuntergang”. In solchen Situation überlege ich dann häufig, wie sich Dir dieses Erlebnis besonders gut vermitteln liesse und im Geiste arbeite ich schon an meinem nächsten Newsletter.
Gerade fällt mir ein, viele Leute haben beim Abschied gesagt: “Du bist aber mutig”, “Das würde ich mich nicht trauen” und “so eine Reise wollte ich auch mal machen.” Aus meiner jetzigen Sicht heraus kann ich das gar nicht nachvollziehen. Sich in Neuseeland zu bewegen ist nicht schwerer oder leichter als von Erlangen nach Hamburg zu ziehen. Alles ist durch und durch europäisch und unkompliziert. Dass die Menschen sehr freundlich, hilfsbereit und viel entspannter sind, macht die Sache einfacher. Und selbst wenn man am Anfang nicht recht weiss wohin es geht, kein Problem, solange man selbst einfach ruhig bleibt und das naheliegende tut kann nichts schief gehen.
Als ich bei Sturm und strömenden Regen die Westküste entlang fuhr, mein Auto nicht so lief wie es sollte und der nächste Ort mit Werkstatt 120km entfernt war, da habe ich erst einmal schön laut “scheisse” geschrien und alles verflucht.
Schliesslich fand sich doch eine Werkstatt und Harry läuft nun besser als je zuvor. Daß war dann zwar in diesem Moment nicht “ruhig”, aber das naheliegendste was ich tun konnte.
Was die Abschiedswünsche betrifft, so nehme ich an, dass dahinter eher Sorgen und Ängste stecken, Sicherheiten wie Arbeitsplatz, Wohnung und den gewohnten Lebensstil aufzugeben. Aber weisst Du mein Freund, gerade der Lebensstil vieler Menschen hier fasziniert mich wirklich sehr. Es scheint als lebten die Kiwis mehr von der Hand in den Mund. Hier geht es nämlich nicht darum, möglichst gut abgesichert zu sein, hier geht es darum, möglichst oft Fischen, Golfen, Segeln und Skifahren zu gehen. Vielleicht sind sie deshalb lockerer (take it easy!) und scheinbar ausgeglichener, weil sie mehr Zeit in der Natur verbringen.
Neuseeländer kümmern sie sich auch scheinbar weniger um Statussymbole. Beispielsweise ist ihnen ein 100% perfektes Haus, welches auch noch 100 Jahre hält, nicht so wichtig, ganz im Gegensatz zum deutschen Anspruch. Manchmal werde ich mir meiner Herkunft deutlich bewusst, denn über gewisse “Kiwi-Lösungen” kann man (als Deutscher?!) nur den Kopf schütteln. Ausspruch eines Einheimischen: warum soll ich mein Haus isolieren, dass würde mich immerhin 800$ kosten!
Ja, sie sind nicht so verbissen wie wir. In Deutschland habe ich manchmal das Gefühl, die Leute würden nur für ihren Lebenslauf leben und wehe es klafft eine Lücke die schlecht zu erklären ist! In Neuseeland ist es normal, einmal in seinem Leben für längere Zeit nach Übersee gereist zu sein, “längere Zeit” bedeutet immerhin ein bis zwei Jahre oder länger. Diese Art von Erfahrung geniesst hier grosses Ansehen. Für Deutsche sollte so etwas eher mit einem Praktika, oder etwas ähnlich sinnvollem verbunden sein. “Rumreisen” bedeutet bei uns faulenzen. Was braucht man in Neuseeland schon für Praktikas oder Zertifikate? Du musst nur (praktisch) zeigen das du es kannst, dann hast du den Job. Von Jim (63) habe ich den folgenden Rat bekommen: “Have fun, while you are young! If it is no fun - leave it!”
Ich spüre schon, wie Du mir Deine nächste Frage aufdrängen möchtest. Ob ich hier bleiben will, jetzt da mich nichts mehr nach Deutschland zieht? Eine sehr gute Frage! Atemberaubende Landschaften, eine (noch) intakte Natur, fröhliche Menschen und dass alles weit entfernt von den Irren dieser Welt. Klingt sehr nach einem Paradis auf Erden. Ehrlich gesagt, ich kann Deine Frage noch nicht beantworten. Als ich in Neuseeland ankam, da “wusste” ich, dass ich wieder zurück kehren würde - im Moment bin ich mir nicht sicher. Es gibt auch einiges was mir hier nicht gefällt. Zum Beispiel gerade das Neuseeland so weit weg ist, von meiner Familie und von Freunden wie Dir. Zudem scheint die Kultur kaum mehr zu bieten zu haben als Fischen, Barbecue und Rugby. “Old Europe” würde mir schon sehr fehlen.
Und was ist mit der Natur? Als alter Skandinavien Fan vergleiche ich die Landschaften insgeheim immer mit dem gleichermassen dünn besiedelten Schweden und Norwegen. Glücklich stelle ich dann fest, dass sich mir Ähnliches auch nördlich von Hamburg bietet. Ausserdem gehöre ich nicht zu den Menschen, die in Deutschland alles einfach nur “scheisse” finden und deshalb weit weg wollen. Aus der Distanz heraus betrachtet entdeckt man sowieso meist viele Vorzüge der eigenen Heimat. In Summe lässt sich also sagen, dass mich Neuseeland zwar sehr begeistert, ich mich aber nicht Hals über Kopf verliebt habe.
Ich muss Dir unbedingt noch etwas erzählen, etwas dass mit dem Zeit-Empfinden zu tun hat. Bevor ich losfuhr hat mich der Gedanke “endlich einmal viel Zeit zu haben” in freudige Erregung versetzt. Jedem der es hören wollte sagte ich damals, dass ich bestimmt länger als ein Jahr wegbleiben würde. Am zweiten Tag in Auckland dachte ich: “scheisse, was mache ich bloss mit 365 Tagen?” Nach einem halben Jahr befällt mich nun leichte Panik, die Zeit scheint mir zwischen den Fingern zu zerrinnen. Auch das Reisen an sich gefällt mir immer besser und es gibt noch so viele interessante Länder, die zwischen mir und Deutschland liegen. Sei also nicht überrascht, wenn Du eine Mail aus Australien, Indonesien oder Japan bekommst. Momentan bemühe ich mich aber hier um einen Job, ich habe etwas Abwechslung nötig. Zunächst steht jedoch eine Wanderung auf dem berühmten Milford Track und der Besuch meines Bruders im November an. Davon werde ich Dir natürlich wieder ausführlich berichten.
Es ist spät geworden, mein Freund, Zeit die “Wein-Frage” des Abends zu klären und das herrliche Bergpanorama von Wanaka in der Dämmerung zu geniessen. Ich denke an Dich und möchte Dir noch ein altes Maori Sprichwort schicken, dass mir sehr gut gefällt: “What is the most important thing in life? It is people, people and people.”
liebe Grüsse von diesem Ende der Welt,
Dein Johannes
P.S.: Du kennst doch meine Neuseeland-Berichte im Internet, die mein Freund Stefan netterweise hostet. Es macht mich ein bisschen stolz, dass sich mittlerweile schon fast 100 Leute für meinen Newsletter registriert haben. Du kannst Dir vorstellen, wieviel Spass das Schreiben für so ein grosses Publikum macht!
