Great Barrier Island
02.05.2003: Neuseeland - Ticker
Etwa 80km nord-östlich von Auckland liegt Neuseelands viertgrösste Insel, Great Barrier Island (G.B.I.). Was Sylt für Hamburg, dass ist G.B.I. für Auckland - eine art Hausinsel vor den Toren der Stadt.
Den Jetset trifft man jedoch weniger auf Great Barrier, die Insel wird mehr von Aussteiger und Alternative besiedelt. Vielleicht ist dass der Grund, warum trotz relativer Nähe zur grössten Stadt des Landes, nur eine mittelmäßige Infrastruktur zu finden ist. Dem ursprünglichen Charme des 1.000 Einwohner umfassenden und ca. 30 x 15 Kilometer grossen Eilandes kommt dieser Umstand jedoch allemal zu Gute. Ich habe mich jedenfalls sofort in diesen Teil Neuseelands verliebt!
Um 8 Uhr morgens, am Mittwoch den 23.04.03 schiffte ich mich im Hafen von Auckland ein. Mit einem klaren, strahlenden Morgen erwachte der Tag und die ersten Möwen flogen kreischend über das Hafenbecken. Ich hatte alles erwartet nur nicht den Anblick eines art Fischkutters, der mich zur Insel bringen sollte. Wie eine Autofähre sah dieses Teil nicht gerade aus! Natürlich kamen ich und die anderen Mitreisenden nach knapp vier Stunden Schifffahrt wohlbehalten auf Great Barrier Island an.
Endlich weg von Auckland, den Menschenmassen und Staus, endlich Eintauchen in die so viel gerühmte Natur Neuseelands! Für mich war dieser Insel Trip mein erstes Naturerlebnis, nach meiner Ankunft in Neuseeland und den knapp zwei Wochen Aufenthalt in Auckland.
Ein perfekter Tag auf der Insel begann folgendermassen: Wachwerden und Aufstehen mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages um 7:30 Uhr. Danach ausgedehten Frühstück zusammen mit anderen Backpackern aus aller Welt. 9:30 Uhr, der Bus Shuttle Service meiner “Stray Possum Lodge” bringt mich zu einem der zahlreichen Startpunkte des Wanderwegesystems von Great Barrier Island. 12:00 Uhr, ich fühle mich frei und unbeschwert, die ganze Insel scheint nur mir zu gehören, ich genieße das Leben und bin einfach nur froh hier zu sein…
Auf einer dieser Touren habe ich Kim und Verina aus Auckland kennengelernt und wir sind kurzerhand gemeinsam weitergezogen. Durch hüfthohen Buschbestand führte uns der Weg zunächst zu den White Cliffs, einer hoch aufragenden Felswand im Landesinneren. Von dort oben hatten wir einen wunderschönen Blick auf die beiden wichtigsten Strände der Westküste und auch zur Ostseite der Insel.
Nach und nach schlängelte sich der Pfad wieder hinab auf Meereshöhe und die Vegatation verwandelte sich in eine Art Dschungel. Palmen und riesige Baumfarne säumten nun den meist matschigen Weg. Scheinbar mitten im niergendwo erreichten wir den zweiten Höhepunkt des Tages, die sogenannten Hot Pools. Kleine, überaus heisse Rinnsale kommen hier direkt aus der Uferböschung und verbinden sich zu einem kleinen Bach. Hier kann sich jeder seinen eigenen Pool anlegen. Wir haben gleich damit begonnen, einen kleinen Staudamm, als unsere eigene Badewanne, zu bauen. Je nach dem, wie heiss das Badewasser sein soll, kann man mehrere, unterschiedlich warme Rinnsale zusammenführen und lässt diese in den eigenen Pool plätschern.
Während ich so geniesserisch im heissen Wasser planschte, konnte ich mich an der üppigen Natur nicht sattsehen. Über meinem Kopf entfaltete sich ein grünes Laubdach, bestehend aus dicktem Bambusgehölz, riesenhaften Farnen, Palmen und Gräsern.
Und als wenn dass noch nicht genug gewesen wäre, wurde ich von Kim und Verina zum Abendessen in ihre Lodge eingeladen. Am Tag zuvor hatte Kim einen grossen Snapper gefangen, über den wir uns später hermachten, draußen auf der Veranda bei Kerzenschein.
Wie lecker ein frischer Fisch nach so einem ereignisreichen Tag draußen in der Natur schmeckt, kannst Du Dir sicher gut vorstellen…
Nach diesem Tag waren nicht nur meine Sinne um viele Eindrücke bereichert und mein Magen bis obenhin angefüllt, jetzt habe ich auch noch die Visitenkarte eines Anwalts in der Tasche. In Notfällen kann ich Kim jederzeit erreichen.
Jeder der auf einer Insel geboren und aufgewachsen ist weiss, wie sich das Leben dort abspielt. In erster Linie ruhig und beschaulich. Jeder grüsst jeden, man kennt sich, man hilft sich. Wie schon gesagt, die Einwohner sind einfach entspannt und meist alternativ eingestellt. Dass findet seinen Ausdruck auch in den vielen kreativen Handwerksbetrieben die es dort gibt. Zudem verkauft der kleine Lebensmittelladen viele Produkte nach guter alter Tante Emma Manier auch lose. Ganz zu schweigen von den “home-made” Müsli-Riegeln und der biologischen Chilisauce aus eigener Herstellung.
“Man verdient nicht viel, aber es reicht zum Leben”, erzählte mir ein Insulaner, der vor 20 Jahren der Großstadthektik entflohen war. Auf meine Frage, wieviel er denn als Selbstständiger pro Woche arbeiten würde, sagte er: “Ich versuche jeden Tag der Woche ein bisschen zu arbeiten, dann bleibt mir immer noch genug Zeit für meine Hobbys: Golf spielen, Surfen und Angeln.”
Ich habe mich dem Lebensrhythmus der Insel schnell angepasst, bin mit der Sonne aufgestanden und meist auch kurz nach ihrem Untergang ins Bett gegangen. Während der Wanderungen habe ich die Natur mit ihrer unglaublichen Schönheit und friedvollen Ruhe ganz tief in mich aufgenommen. Das Glücksgefühl das ich dort empfand, hat mich manchmal direkt überwältigt. Ja, es war ein bisschen so, als ob ich verliebt gewesen wäre, verliebt in das Schauspiel der Natur.
Einfach unbeschreiblich, wenn am Spätnachmittag die Strahlen der warmen Abendsonne auf die Dünen an DEINEM Strand fallen. Weit und breit keine Menschenseele zu entdecken ist und das einzige was man hört, das gleichmässige Rauschen der Brandung ist. Da weiss man dann: Ich bin jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort!
Als Abschluss solcher Tage gönnte ich mir dann oft ein Steinlager auf der Holzterrasse meiner Lodge. Für dieses Bier musste ich immerhin 30 Minuten zum nächsten Ort laufen, aber dass war es mir irgendwie wert…
passt gut auf Euch auf,
Euer Johannes
P.S.: Jetzt bin ich wieder zurück in der City und bin regelrecht schockiert über den Kontrast zum Inselleben. Es fällt mir sehr schwer, mich wieder an die Hektik, den Lärm und Gestank zu gewöhnen. Ich werde zusehen, dass ich so schnell wie möglich hier weg komme.
