Weihnachten und Silvester in Christchurch
10.01.2004: Neuseeland-Ticker
Christchurch, mit 300.000 Einwohnern die größte Stadt der Südinsel, markiert einen wichtigen Wendepunkt meiner Reise. Bisher fuhr ich mir meinem Wohnmobil kreuz und quer durchs Land, genoss fünf Monate lang die Reize der Nordinsel und verbrachte zwei Monate auf den Strassen des spektakulären Südens. Nun habe ich mich erstmal für ein paar Wochen häuslich niedergelassen.
Auf Reisen mit meinem Campervan “Harry” waren Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche stets in unmittelbarer Reichweite. Eine phantastische Freiheit und Unabhängigkeit ganz spontan entscheiden zu können, wo und wie ich meine Zeit verbringen wollte.
Hin und wieder kam der Gedanke sich irgendwo etwas länger niederlassen zu wollen und Urlaub vom Reisen zu nehmen, doch ein Blick auf die “weissen Flecken” meiner Strassenkarte und ein spannendes Kapitel im Guidebook schürten nach kurzem immer wieder die Sehnsucht nach dem Neuen. Pläne schmieden und wieder verwerfen, sich auf das Unerwartete einlassen, die Freiheit auskosten und die Tage, sowie auch die Landschaft an sich vorrüber ziehen zu lassen, füllte mich ganz und gar aus.
Die Zeit schien keine Rolle zu spielen und eigentlich hätte es immer so weiter gehen können. Nun, auch das kleine Land Neuseeland ist endlich, nach insgesamt acht Monaten hatte ich all das gesehen was ich wollte, aber noch nicht alle Erfahrungen gemacht! Deshalb trennte ich mich schweren Herzens von meiner mobilen Einzimmerwohnung und fand mich plötzlich in einer Jugendherberge mit schnarchenden Zimmergenossen wieder. Mit doppelt so viel Gepäck auf dem Fussboden um mein Bett herum verteilt, wie noch zu Begin der Reise.
Christchurch ist auf den ersten Blick eine schöne Stadt - und auf den zweiten Blick auch! Die Eingewöhnung viel mir leicht, denn die Jugendherberge (YHA Rolleston House) lag inmitten des historischen Zentrums. Von meinem Fenster aus konnte ich auf das 1874 in gotischem Stil erbaute Arts Centre blicken. Früher beherbergte es die University of Canterbury. Nach deren Umzug liess sich die Kunstszene mit Geschäften, Galerien, Lokalen und Cafes dort nieder. Es gibt nichts schöneres als an Wochenenden in einem der Innenhöfe zu sitzen und Konzerten zu lauschen, oder vor dem Centre im Schatten der Bäume zu frühstücken, während die historische Strassenbahn alle 20min vorbeizockelt. Fantastisch ist auch ein Besuch des Botanischen Gartens, der sich nebenan befindet. Selbst nach mehr als 10 Besuchen entdeckte ich in der großzügigen Anlage immernoch neue Pfade und Bereiche.
Im Herzen der Stadt wird das Bild von der 1904 fertig gestellten, anglikanischen Kathedrale und dem umliegenden Platz (”the square”) geprägt. Von dort breitet sich das Strassnetz wie ein Gitter rechtwinklig in alle Richtungen aus. Ein bisschen erinnert Christchurch an “Good Old England” und mit seiner neugotischen Architektur, dem gemächlich dahinfliessenden Avon River ensteht schnell das Bild einer traditionellen, englischen Universitätsstadt.
Das wurde bei der Planung der Stadt 1850 auch beabsichtigt, denn sie entstand im Zuge einer programmatischen Kolonialisierungspolitik der Canterbury Association. Die von Mitgliedern des Christ Church College gegründete Kolonialgesellschaft mit dem Erzbischof von Canterbury an der Spitze verfolgte das utopische Ziel, ein neues Jerusalem in Neuseeland zu schaffen: eine anglikanische Mustergesellschaft der Mittelklasse, in der die von moralischen Werten geprägte Kultur des viktorianischen England blühen und gedeien konnte. Bei den Pionieren handelte es sich aber keineswegs ausschliesslich um Anglikaner und nach den religiös angefachten Heilserwartungen der Anfangstage machte sich schon bald Ernüchterung breit angesichts der Mühen, mit denen der Aufbau einer neuen Existenz in einer völlig fremden Umgebung verbunden war. Im hervorragend ausgestatteten Canterbury Museum kann man viel über die harten Bedingungen der Anfangszeit nachlesen. Ganz im Gegensatz zu damals zeigt sich das moderne Christchurch von heute als lebendiger Schmelztiegel der Kulturen, mit einer europäisch anmutenden Cafe- und Restaurant Szene.
Und hier befand ich mich nun, meines Transportmittels “beraubt” und wieder einmal ohne konkreten Plan für die nächste Zeit. Wie geht es weiter, war die grosse Frage? Bis vor kurzem waren meine Tage mit Autofahren und Sightseeing ausgefüllt, wurde mir langweilig, zog ich einfach ein Stück weiter. Christchurch selbst war schnell erkundet und die letzten Bücher schnell gelesen. Es musste sich einfach wieder etwas bewegen!
Zu allererst kaufte ich mir spontan ein Auto, einen kleinen Cityflitzer (Mazda 323) der das Einkaufen erleichtern und mir ein Gefühl der Unabhängigkeit zurückgeben sollte. Ebenso zufällig erreichte mich das Angebot über ein Bett in einer Wohngemeinschaft - die Puzzelteile fingen an, zueinander zu passen. In meinem Kopf entwickelte sich die Idee von einem längeren Aufenthalt in Christchurch und der Suche nach Arbeit als neues Erfahrungsfeld
29 Melrose Street - meine erste feste Adresse in Neuseeland seit 10.12. (bis zum 17.01.04). Die Wohnung, ein typisches Kiwi-Holzhaus mit drei Schlafzimmern und Wohnküche, machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Besonders gefiel mir die ruhige Lage und der von Hecken eingerahmte Garten. Obwohl ich das Zimmer mit jemand teilen muss, fand ich 80$ als Wochenmiete angemessen. Immerhin bekam ich so meine ersten Eindrücke vom Leben in einem neuseeländischen Holzhaus. Dünne, schalldurchlässige Papwände, schlecht schliessende Türen und Fenster (zum Glück ist Sommer), dumpfe Luftfeuchtigkeit, die sich ausbreitet wenn man zu lüften vergisst (riecht interessant), Schimmel im Bad, Spinnen, Silberfische, Motten und der ganz normale Dreck, der in WG’s üblicherweise zu finden ist, wenn sich keiner verantwortlich fühlt und Mitbewohner im Wochenturnus ein- und ausziehen.
Hört sich grässlich an, nicht wahr? Ja, dass ist die eine Seite. Andererseits habe ich äusserst nette Mitbewohner, allen voran mein englischer Zimmergenosse Richard, Mareike aus Deutschland, Robin und Lee Ann aus der USA. Zusammen haben wir viel Spass, vor allem Abends beim unvermeidlichen Fernsehschauen, wenn wir uns über die Filme lustig machen und die Texte der unglaublich schlechten Werbespots mitsprechen. Schön, endlich wieder längere Zeit mit den selben Leuten zusammensein zu können und mehr als nur die typischen Fragen (woher, wohin, wie lange) zu wechseln. Wir liessen uns die gute Laune auch dann nicht verderben, als eines Abends plötzlich eine Ratte über den Kaminsims lief. “Fred the Rat” ist seit dem ein “gern” gesehener Gast und unterhält uns mit interessanten Nagegeräuschen, an Stellen wo man es nicht vermuten würde…
Mein Haus! Mein Auto! Kein Arbeit? Diese Frage blieb weiterhin ungelöst und Erkundigungen darüber waren enttäuschend, denn ich hatte mir als Mindestlohn $10/Stunde in den Kopf gesetzt. Damit fielen schon mal die Hälfte der vom Studentenbüro vermittelten Jobs weg. Auf der anderen Seite wollte ich auch nicht beim Sicherheitsdienst, auf der Baustelle oder im Cafe arbeiten. Letzteres hatte ich in Deutschland lang genug getan. Mareike, meine Mitbewohnerin, arbeitete in einer Fabrik für $10, allerdings Nachtschicht ohne Zuschlag - auch keine Alternative.
Mir blieb eigentlich nur noch die Möglichkeit, einmal bewusst nichts (bestimmtes) zu machen und dafür ein paar Wochen später richtige Kiwi-Arbeit auf einer Farm oder als Erntehelfer (Fruitpicking) anzunehmen. Während der Tage in Christchurch folgte ich also wieder einmal meinem Bauchgefühl und das ist dabei heraus gekommen: relaxen im Botanischen Garten, im Internet surfen und Mails schreiben, “Friends” schauen (die angesagte Tv-Serie zu der Zeit), intensive Suche nach dem “besten Cappuccino der Stadt”, super Kino-Dienstag ausnützen, mit Richard billiges “Haast Beer” trinken, Sonnenaufgänge auf den Port Hills geniessen, joggen im Hagley Park, lesen im Garten, Ausflüge nach Akaroa und der Banks Peninsulam, und, und, und
Währenddessen neigte sich das Jahr dem Ende entgegen und Christchurch versuchte seine Bürger mit einem erstaunlich hässlichen Weihnachtsschmuck zu erfreuen. Auf Strassenlaternen wurden gelbe Plastik-Sternschnuppen befestigt und an den Pfählen graue Geschenkpapierschleifen aus Blech montiert, alles ohne Beleuchtung versteht sich, denn es war zu dieser Zeit noch bis 10 Uhr Abends hell. Immerhin präsentierte sich der Cathedral Square mit einem durch Lichterketten geschmückten Weihnachtsbaum, er verlor jedoch schnell seine grüne Farbe und liess die Nadeln hängen. Kein Wunder, denn Canterbury erlebte mit nur 1mm Niederschlag seinen trockenstens Dezember seit 100 Jahren.
Dass alles versetzte mich nicht gerade in Weihnachtsstimmung, speziell das hochsommerliche Klima passte für mich nicht ins Bild. Die Einladung meines Vermieters zu einer Grillparty am 24.12. kam genau zur rechten Zeit, denn eigentlich erwartete ich in Anbetracht der Umstände nichts besonderes von diesem Fest. Aber was könnte kiwi-typischer sein, als ein Barbecue an Heiligabend? Selbstverständlich wurden auch Christmas Cracker verteilt, Knallbonbons aus Papier die einen schlauen Spruch, Spielzeug und eine Papierkrone enthalten. Später rannten wir alle mit verschieden farbigen Kronen auf dem Kopf herum - ist wohl auch so ‘ne adaptierte Tradition aus England.
Richtig gefeiert wird in Neuseeland erst am 25., am Christmas Day, auch der Festgottestdienst findet an diesem Tag um 10 Uhr statt. Ich besuchte die anglikanische Kathedrale im Herzen der Stadt und war von der fröhlichen Atmosphäre angenehm überrascht! Interessant auch, dass die Liturgie teilweise auf Maori vorgetragen wurde. Noch grösser war meine Überraschung, als ich nach dem Gottesdienst spontan von einem Ehepaar zum Christmas Dinner eingeladen wurde. Beide saßen neben mir in der Kirchenbank und wir hatten vor dem Gottesdienst ein paar Worte gewechselt. Später fand ich mich mit einem Glas Champagner in der Hand bei ihnen im Garten wieder und als dann im Esszimmer nacheinander White Bait Omelett (Fischspezialität), Truthahn (der Klassiker zu Weihnachten) und frische Erbeertorte aufgetragen wurden, war ich über die Gastfreundschaft der Neuseeländer wieder einmal mehr als begeistert.
Die Offenheit und Freundlichkeit die mir entgegengebracht wurde, schuf eine völlig entspannte Atmosphäre und es war fast so als gehörte ich mit zur Familie. Jim und Claudia hatten ähnliches auf einer Reise in Europa erfahren und wollten aus Dankbarkeit etwas davon weitergeben. Wann hatte ich zuletzt davon gehört, dass ein fremder Ausländer von Deutschen zum Weihnachtsfest eingeladen wurde, fragte ich mich?
Direkt nach den Festtagen schien eine grosse Landflucht einzusetzen, in Scharen brachen die Kiwis zu ihren Sommerhäusschen und Urlaubszielen auf, die Stadt leerte sich zusehens. Einzig die Touristen blieben zurück und drehten in gewohnter Weise ihre Runden zwischen dem Square und dem Botanischen Garten. Obwohl meine Lieblingscafes geschlossen blieben, war ich froh über die Ruhe und die wenigen Autofahrer.
Das anstehende Silvesterfest wollte ich im Gegensatz zu Weihnachten keinem Zufall überlassen und kaufte mir zusammen mit Richard Tickets für ein Open Air Konzert im “Dux de Lux”. Das “Dux”, wie es kurz genannt wird, ist eine geniale Mischung aus Biergarten, vegetarischem Restaurant und Bar. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe des Arts Centres.
Gegen 20 Uhr trudelten langsam die Leute ein und bald war der Platz mit den Liter-Plastikbechern übersät, in denen das selbstgebraute Bier für $10 ausgeschenkt wurde. Die drei Bands gaben eine gute Vorstellung, Stunden- und Minutenzeiger näherten sich der 12, als plötzlich der Sänger mitten im Lied 5-4-3-2-1 rückwärts zählte, Happy New Year schrie und weiter sang. Ich bekam das gar nicht so richtig mit, es ging einfach zu schnell. War das alles? Wo blieben das Feürwerk, der Sekt, ein paar feierliche Worte des Veranstalters?
In der Innenstadt war zwar viel mehr los, als an einem normalen Samstag Abend, doch so richtig ausgelassen wurde auch auf den Strassen nicht gefeiert. Zum Teil lag das sicher an dem 24-stündigen Alkoholverbot für öffentliche Anlagen, aber auch privates Feuerwerk gab es keins, nur ein von der Stadt organisiertes auf dem Square. Alles andere war sicher wegen der erhöhten Feuergefahr im Hochsommer verboten. Als Ende Oktober in den Geschäften plötzlich Raketen und Knallfrösche angeboten wurden dachte ich schon, dass der Verkauf der Silvesterartikel hier wirklich sehr früh beginnt! Dann stellte sich heraus: dieses Feuerwerk war für den, von den Neuseeländern übernommenen, britischen Bon Fire Day am 5. November bestimmt. Wieder einmal alles ganz anders hier!
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich diese beiden Feste mit vertauschten Jahreszeiten gefeiert, alles in allem ziehe ich dafür jedoch Dunkelheit und Kälte im Dezember dem Sommer vor, auch wenn ein Weihnachtsmann in Shorts durchaus witzig sein kann. Mit dem Fehlen von Kerzen und Lichterschmuck geht in meinen Augen viel Feierlichkeit verloren - sicherlich alles eine Sache der Prägung.
Meinen Aufenthalt in Christchurch habe ich mit sieben Wochen völlig ausgereizt, die Stadt birgt jetzt keine grossen Geheimnisse mehr für mich. Als letzten Höhepunkt werde ich noch zwei Tage des jährlich stattfindenden Strassenkünstler Festivals (World Buskers Festival) miterleben, inklusive der Eröffnungsfeier im Arts Centre. Danach geht es endlich wieder hinaus in das weite Land, genauer gesagt zur Golden Bay. Dort will ich für ein paar Wochen auf einer Farm arebiten - eine Luftveränderung, die ich dringend benötige! So, jetzt habe ich leider keine Zeit mehr zu schreiben, ich muss nämlich unbedingt meinen “täglichen” Cappuccino trinken gehen…


