Abel Tasman National Park
30.09.2003: Neuseeland-Ticker
Schiffstagebuch, Dienstag der 6. Januar 1827: The basin at which our corvette rode at anchor was sheltered on every side and offered the most picturesque landscape, as well as the promise of all sorts of discoveries to our eager eyes. Gently undulating country … cool dark forest … lovely sandy beaches … attracted our attention and we lamented that we had to await tomorrow to satisfy our burning curiosity.
So liest sich der Tagebucheintrag eines berühmten europäischen Entdeckers, als er einen Küstenabschnitt im heutigen Abel Tasman NP beschreibt. Tasman? Cook? Nein, keiner von beiden setzte je seinen Fuss auf diese goldenen Strände. Der Franzose Jules Sebastien Cesar Dumont d’Urville war der Erste.
Ich bin weder dort vor Anker gegangen, noch war ich der Zweite, sondern nur einer von jährlich 30.000 Wanderern. Der Coastal Track im Abel Tasman NP zählt zu einem der beliebtesten der Great Walks von Neuseeland. Einen grossen Teil ihrer Attraktivität verdankt die Küstenstrecke der Tatsache, dass sie jeder halbwegs fitte Wanderer problemlos meistern kann - der Weg ist bestens ausgeschildert und man befindet sich nie mehr als vier Stunden von einer Hütte oder einem Campingplatz entfernt.
Ich habe mir für die Strecke von Marahau bis Totaranui vier Tage Zeit genommen, von einer Wanderung kann ich daher eingentlich nicht unbedingt sprechen. Viel mehr waren es vier gemütliche Spaziergänge. Und um dem Ganzen an Luxus und Bequemlichkeit noch eins draufzusetzen, habe ich mir meinen Rucksack jeden Nachmittag vom Wasser-Taxi-Service (AquaTaxi) anliefern lassen.
Faszinierend an dieser Gegend sind die kleinen Buchten mit ihren goldfarbenen Stränden. In der Sonne glitzert und funkelt der Sand und es sieht fast so aus, als ob jemand braune Zuckerkristalle ausgeschüttet hätte.
Schliesse Deine Augen und versuche Dir folgendes Bild vorzustellen: Der Sandstrand auf dem Du sitzt ist warm und honiggelb, türkiesfarbene Wellen brechen sich vor Dir, der dunkelgrüne Regenwald umgibt Dich beschützend von hinten und ein tiefblauer Himmel überspannt die Szenerie. Zwei leuchtend rote Kayaks paddeln vorüber und in Deinem Kopf explodiert dieser Farbenrausch der Sinne - Du fühlst Dich unendlich… Ein sanfter Windhauch fährt Dir übers Gesicht, vertreibt alle schweren Gedanken. Wer ist für diese ungeheuerliche Schönheit verantwortlich, fragst Du?
Wenn Du Dir jetzt noch kleine, blutgierige Sandfliegen vorzustellen versucht, die sich auf Deinen Beinen niedergelassen haben, dann weisst Du wie meine Tage im Abel Tasman NP waren. (Gegen Sandflies gibt es ein Mittel, gegen die Wunder der Natur zum Glück nicht!)
Ein bischen komisch war es schon, ganz alleine zu einer viertägigen Wandertour aufzubrechen. Doch die geselligen Abende auf den Hütten, mit ihren immer wieder wechselnden Besetzungen, wurden schnell zu einem der Höhepunkte des jeweiligen Tages. Da waren die drei lustigen Deutschen aus Siegen, ein Witz löste den anderen ab und unter viel Gelächter kamen sie nur langsam voran. Mit ihnen habe ich heisses Wasser gegen Kerzen und Aspirin getauscht (danke Maren!)
Abends unter dem Sternenhimmel lernte ich den sympatisch-verrückten Darren kennen. Er war ein paar Tage zuvor mit dem Auto von der Strasse abgekommen, hatte sich mehrfach überschlagen und ist in einem Bachbett, auf dem Kopf stehend, zum halten gekommen - unverletzt. Darren war einfach nur froh am Leben zu sein und in jedem seiner Worte schwang diese Begeisterung mit.
Zufällig traf ich zum vierten Mal den niederländischen Bäckermeister Stefan. Wir hatten uns vor drei Wochen in den Marlborough Sounds kennengelernt und waren uns seither immer wieder begegenet.
Den schönsten Abend verbrachte ich in der Bark Bay Hütte, dieses Erlebnis ist an Internationalität kaum zu überbieten. Die 13 Schlafgäste kamen aus Südkorea, Neuseeland, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, USA und Finnland. Im Kerzenschein sassen wir in grösserer Runde am Tisch beisammen, was ungefähr so gemütlich ist wie eine Familienfeier bei Stromausfall. Weltpolitik, Umweltschutz und die Besonderheiten Neuseelands waren die grossen Themen. Als wir auf Kriege zu sprechen kamen, beeilten sich die Amerikaner (fast schon entschuldigend) zu versichern, dass sie persönlich nicht viel von der derzeitigen Bush-Regierung halten.
Insgesamt herrschte am Tisch ein erstaunlich grosser Konsenz und ich war begeistert von dieser Möglichkeit, sich über alle Grenzen hinweg auszutauschen.
Wie sich herausstellte, war der Kiwi (und Ex-Engländer) am Tisch ein professioneller Tourguide, gebucht von der Südkoreanerin. Mit Erzählungen aus seinem Leben vergingen die restlichen Stunden wie im Flug. Vor 40 Jahren war er mit dem Fahrrad (!) nach NZ gekommen. Dort gefiel es ihm sehr gut und er blieb. Aber um von seinen Eltern Abschied zu nehmen, ist er wiederum auf dem Landwege nach England getrampt. Ihr könnt Euch vorstellen, was er alles zu erzählen wusste!
Hier noch ein kleiner Tip von ihm: “Auch wenn Opossums grosse Schädlinge für den Neuseeländischen Wald sind, versucht nie sie mit einem Stock, Stein oder Hammer totzuschlagen. Opossums sind äusserst zähe Tiere und es würde Euch psychisch ziemlich belasten, wenn Ihr das halb-tote Tier wimmernd auf dem Boden liegen seht (und weiter darauf einschlagen müsst.) Vergiften, erschiessen oder überfahren sind bessere, unpersönlichere Alternativen.”
Am letzten Wandertag brach ich schon um 7:30 Uhr auf, da die Awaroa Bucht nur zwei Stunden vor und nach Ebbe überquert werden kann. Einige Zeit später war der Track für mich wieder zu Ende. Das Wasser-Taxi, welches mich zum Ausgangspunkt bringen sollte, wartete bereits am Strand. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von ein paar Wandergefährten, mit der festen Absicht, dass dies nicht meine letzte Tour gewesen sein sollte!
kleiner Nachtrag
Kurz vor meiner Wanderung war ich auf dem Samstagsmarkt in Nelson einkaufen. Zu meiner grossen Freude fand ich dort den Stand einer deutschen Metzgerei und einer Bäckerei. So konnte ich mich nach genau 5 Monaten und 2 Tagen endlich einmal wieder dem Geschmackserlebnis hochwertiger Nahrungsmittel hingeben - welch ein Genuss!
