Milford Track

auf dem Milford Track, Tag 2

Das Leben ist kein Ponyhof, es gleicht eher einem beständigen Kampf. Diese und andere Gedanken im Kopf schleppte ich mich die letzten Meter des Mackinnon Passes hinauf, Regen- und Hagelschauer erschwerten das Gipfelstürmen. Vor Augen hatte ich das Bild einer gemütlichen Schutzhütte, mit Wolldecken und heissen Getränken - weit gefehlt.

Immerhin wurden ich und meine 39 Mitwanderer vorgewarnt und zwar vom “Milford-Track- Präsidenten” höchst persönlich. Der M-Track ist kein Kindergeburtstag, auch wenn der erste Tag alles andere als anstrengend war: Nach einer beschaulichen Bootsfahrt zum Start des Milford-Tracks waren nur 5km zur ersten Hütte (Clinton Hut) zurück zu legen, dorthin wurde “Mr. President” per Helikopter eingeflogen.

Punkt 19:30 Uhr Anwesenheitskontrolle und Lagebesprechung im Aufenthaltsraum. Die erwartungsvollen Gesichter meiner Mitstreiter verwandelten sich in erstaunte Fragezeichen, als uns eröffnet wurde, das die Winterschäden am Milford-Track die schlimmsten der letzten 35 Jahre wären. Später Schneefall im Frühling, starke Stürme und nicht zuletzt das gewaltige Erdbeben im August, mit 7,1 auf der Richer Skala (das Epizentrum lag ganz in der Nähe vor der Küste), haben zahlreiche Schnee- und Gerölllawinen ausgelöst. Mehrere 100 Meter Weg seien verloren und bis zuletzt war es unklar, ob der Track zum Saisonstart am 28.10. für die erste Wandergruppe (das waren wir) geöffnet werden konnte.

die schönste Hütte am Abend des zweiten Tages

Gespannt lauschten wir den Ausführungen “des Chefs”, der gerade erklärte, bei welchen Witterungsbedingungen wir über welchen Streckenabschnitt per Helikopter “geliftet” werden würden. Trotz einer möglichen Luftbrücke würden wir aber nicht um hüfthohes Wasser (nur für Kleinwüchsige) bei Flussqürungen und Schlammlöcher herumkommen. Nach dem Ende der Ansprache, als schon die ersten Strategien für daürhaft trockene Stiefel diskutiert werden, hatte ich das Gefühl, gerade der Einsatzbesprechung eines Rettungskommandos beigewohnt zu haben. Wie war das noch mit dem Ponyhof, meinem Urlaub und dem Leben als wohlbehüteter Tourist???

DER Milford Track, das ist nicht irgend ein Wanderweg, das ist der Inka-Trail Neuseelands, das ist die wohl schönste Wanderung der Welt (lt. Londoner Spectator, 1908). Schon in grauer Vorzeit sollen Maoris diese Route auf der Suche nach Jade gewählt haben. Ab 1888 gab es schliesslich den ersten richtigen Track und damit die einzige Landverbindung (bis zur Strasseneröffnung 1954) zum grandiosen Milford-Sound, dem Geiranger Fjord Neuseelands.

Woher seine Berühmtheit auch immer kommen mag, Fakt ist das mehr als 14.000 Menschen diesen Pfad jährlich beschreiten, im Rahmen geführter Wanderungen (Kostenpunkt bis 2.000$ p.P.) oder als Independent Walker, so wie ich. Glücklicherweise gibt es Regularien, die das Wandern ungeachtet der Menschenmassen erträglich macht. Es können nur so viele Leute täglich starten, wie es Betten in den Hütten gibt (also kein Wettrennen um einen Schlafplatz), zudem darf nur in eine Richtung gelaufen werden. Ich hatte mein Hüttenticket spontan drei Wochen zuvor gebucht und einen der letzten Wandertermine bekommen, bis Ende März 2004 ist alles ausgebucht.

auf dem Milford Track, Tag 3

Der zweite Tag. Friede, Freude, Eierkuchen, Sonnenschein, trockene Füsse - alles Bestens! Selbst die Schnee-Querung über die abgegangene Lawine war kein bisschen rutschig oder matschig. Das Schreckgespenst der Einsatzbesprechung war vergessen.

Ich staunte über die beeindruckende Bergkulisse des Clinton Valleys, kaum zu glauben das die majestätischen Gipfel bis zu 2.000m hoch sind, während sich der Wanderweg fast konstant auf 300 Höhenmetern verläuft. Die nahezu senkrechten Felswände sind gigantisch! Nach 7 Stunden erreichte ich zusammen mit meinem australischen Tageswandergefährten Hank die Mintaro Hut. Einer Hinterhof-Sackgasse gleich, erheben sich die Berge rings um unsere Hütte wie eine unbezwingbare Wand. Von hier aus konnte ich schon den Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) der Wanderung erkennen, den 1.100m hohen Mackinnon Pass.

Während einige noch vor der Hütte faulenzten, bereiteten sich andere schon auf die Koch-Session vor. All abendlich bekam man hier einen bunten Strauss dessen präsentiert, was die Convenience Food Hersteller zu bieten haben - heisses Wasser drüber und fertig. Nicht so unsere asiatischen Freunde. Neben allerhand Töpfen, Schöpfkellen und Essstäbchen, förderten sie aus ihren Taschen auch jede Menge Frisch-Gemüse, Kilo-Säcke mit Reis und Glasnudeln, sowie eine 0,7l Glasflasche (!) mit extra vergine Olivenöl hervor. Gekocht haben die beiden auch immer für mindestens vier Personen. Jeder setzt in punkto Luxus eben andere Akzente, manch einer wird über meine 2kg schwere Kameraausrüstung den Kopf geschüttelt haben.

Neben den Natureindrücken zählten die Hüttenabende und die gute Gemeinschaft wieder einmal zu meinen schönsten Erlebnissen. Man startet gemeinsam als Gruppe von 40 Fremden und verbringt vier Tage miteinander, das ist dank der “Einbahnstrassenregelung” das besondere am Milford-Track. Schnell kommt man in Kontakt und es bildeten sich schon am zweiten Abend die ersten Grüppchen. Genauso schnell waren auch die Schnarcher identifiziert.

Das Fjordland ist eines der regenreichsten Gebiete Neuseeland, jährlich fallen bis zu acht Meter Regen (aufeinander, nicht nebeneinander!). Am dritten Tag bekamen wir unsere Portion davon ab. Leider erübrigte sich damit der (wahrscheinlich schöne) Ausblick vom Pass. Nachdem auch die Schutzhütte eine Niete war, setzte ich meinen Weg ohne längere Pause fort, die beste Möglichkeit nicht auszukühlen. Dem vorangegangenen Aufstieg (500 Höhenmeter), folgte nun ein gnadenloser, nicht enden wollender Abstieg - über 1.000 Meter nach unten! Die Regenwolken hatten sich so richtig schön festgesetzt. Da konnten mir selbst die normalerweise beeindruckenden, 580m hohen Sutherland Falls keinen Jubelschrei mehr entlocken - Wasser hatte ich wahrlich schon genug gesehen. Statt dessen versuchte ich es mit einer Lunchpause an einem Unterstand. Doch als nach einiger Zeit nicht mehr ganz klar war, wer hier eigentlich Mittagspause macht, die Sandflies oder ich, gab ich entnervt auf und wanderte zur Hütte weiter. Abends erzählte jeder von seiner Strategie, wie dem Regen und der Erschöpfung getrotzt wurde, aber keiner war wirklich unglücklich.

Grandioses Finish mit dem Milford Sound am 4. Tag

Doch für mich und meine Zimmergenossen kam das dicke Ende noch, denn kurz vor knapp quartierte sich der Oberschnarcher bei uns ein. Als es Schlafenszeit wurde, schnappten Jimmi, Pernille, Fred und ich unsere Matratzen und suchten das Weite. Ich legte mich nach draussen auf die überdachte Veranda, lauschte dem Regen und schlief glücklich ein.

Eine Berührung am Kopf riss mich jäh aus meinen Träumen. Hält sich der Hüttenwart eine Katze? Doch im Schein der Taschenlampe entpuppte sich der Schatten neben mir als Opossum. Das war es also, was mir (liebevoll?) das Haar zerzauste. Nichts gegen diese netten Tieren (eine Pest für Neuseeland, die mit Gift bekämpft wird), aber ich zog es dann doch vor, in die sichere Küche überzuwechseln.

Letzter Tag, Regen, perfekter Halt fürs Haar (glatt am Kopf anliegend). Als ersten Höhepunkt des Tages durfte ich meine nassen Stiefel wieder anziehen, auch der Rest der Klamotten war immer noch reichlich klamm. Nur noch 18km trennten uns vom Endpunkt der 54km langen Wanderung. Was kann man schon anderes machen als zügig vorwärts zu kommen, wenn es regnet? So haben viele von uns die angegebene Wanderzeit von sechs Stunden deutlich unterboten, beständig das Mantra betend: Regen gehört zum Milford-Wandererlebnis, Regen gehört zum Milford-Wandererlebnis, Regen… Das Ziel war schliesslich ein Bootsanleger am Milford Sound, sehr treffend Sandfly Point genannt.

Während der 20-minütigen Schiffsfahrt zum Milford Village waren wir doch alle ein bisschen traurig, das es jetzt schon vorbei sein sollte (auch wenn die Aussicht auf eine warme Dusche durchaus ihren Reiz hatte). Für mich stand wieder einmal fest, das zu einem “richtigen” Neuseeland Erlebnis auch einer der “Great Walks” gehört. Besser kann man das Land gar nicht kennen lernen.

Gerne wäre ich im Anschluss auch gleich noch den Kepler-Track gewandert. Doch eine Erkältung vereitelte dieses Vorhaben, ich hatte wohl zu lange in nassen Schuhen gesteckt.

one comment for “Milford Track”

  1. Daniel

    Klasse Bericht. Habe ich grade nochmal gelesen.
    Ich bin mal echt gespannt, wie’s bei uns sein wird. Wir haben den Track erstmal für den 17.03.2009 gebucht.

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