Farewell Spit Guide John Stevens, Golden Bay

Farewell Spit Guide John Stevens
Farewell Spit, das ist eine 35km lange Sandbank (wahrscheinlich die längste, natürliche der Welt), sie bildet die äusserste Spitze der Südinsel und zugleich das Ende der Golden Bay. Das 1930 gegründete Schutzgebiet ist von internationaler Bedeutung, jedes Jahr legen Tausende von Wattvögeln eine 12.000km lange Strecke von der nördlichen Hemisphäre zurück, um den Sommer im Süden zu verbringen. So ist es nicht verwunderlich, das sich hier bis zu 90 verschiedene Vogelarten tummeln - ein Paradies für Ornithologen.


Farewell Spit Leuchtturm

Zweiter Anlauf: diesmal wählt John eine andere Geländeübersetzung des ‘82er Toyota Landcruiser, wieder Rückwärtsgang eingelegt und die Kupplung langsam kommen lassen - doch der Wagen gräbt sich nur tiefer in den lockeren Untergrund der Sandbank. Um den Geländewangen für die Vogelbeobachtung in eine bessere Position zu bringen, verlässt John Stevens schon mal den harten Sandstreifen. Das seine Gäste in diesem Fall kurz aussteigen müssen, damit das Auto wieder freikommt, stört alle Beteiligten wenig.
Farewell Spit, das ist eine 35km lange Sandbank (wahrscheinlich die längste, natürliche der Welt), sie bildet die äusserste Spitze der Südinsel und zugleich das Ende der Golden Bay. Das 1930 gegründete Schutzgebiet ist von internationaler Bedeutung, jedes Jahr legen Tausende von Wattvögeln eine 12.000km lange Strecke von der nördlichen Hemisphäre zurück, um den Sommer im Süden zu verbringen. So ist es nicht verwunderlich, das sich hier bis zu 90 verschiedene Vogelarten tummeln - ein Paradies für Ornithologen. Auf das Navigationssystem der Wale hat die Sandbank hingegen eine fatale Auswirkung, häufig stranden sie an der Küste des Spit.

Wharariki Beach

Die Schutzbestimmungen für dieses besondere Stück Neuseelands sind (zum Glück) so stark reglementiert, das man nur im Rahmen einer organisierten Tour (zwei Anbieter sind hierfür autorisiert) die Sandbank erkunden kann. Farewell Spit Eco Tours sind seit 1946 im Geschäft und somit auch die ältesten Safari Anbieter in Neuseeland. John fährt seit 20 Jahre mehr oder weniger regelmässig auf dem Spit. Jede Fahrt zum Leuchtturm oder zur Tölpelkolonie am äussersten Ende ist aufs neue spannend für ihn. “You never know, what you will find on the beach”, schmunzelt der 53jährige. Neben gestrandeten Tieren finden sich Fischernetze, Kanthölzer von Frachtschiffen oder z.B. das Strassenschild mit der Aufschrift eines Flussnamens der Nordinsel - 300km hatte es zurückgelegt, inclusive der Überquerung der Cook Strasse.

Aus dem geöffneten Seitenfenster weht mir die frische Seebrise um die Nase und ich geniesse die Fahrt auf der Sandbank an diesem herrlichen Frühlingstag. Wir verlassen das Meer und nähern uns dem Leuchtturm mit den dazugehörigen Wohnhäusern der Leuchtturmwärterfamilien. 1984 ist das letzte Ehepaar in den Ruhestand gegangen. Ich versuche mir vorzustellen, wie das Leben hier draussen wohl gewesen sein mag, dessen Höhepunkt die wöchentliche Post- und Lebensmittellieferung war. Im warmen Sonnenschein zieht der Duft der Kiefern über das Rasenstück zwischen den Bäumen und es will mir nicht gelingen die Schattenseite des Leuchtturmwärterdaseins zu ergründen. Mit John setze ich mich ins Gras und lasse mir seine Geschichte erzählen.

Wharariki Beach

“Hm, eigentlich gibt es da gar nicht so viel besonderes zu erzählen”, sagt er und blickt dabei auf seine Hände, “mein Leben ist so, wie das vieler anderer auch.” Aufgewachsen ist er in Central Otago, im Süden der Südinsel. Eine Berufsausbildung hat John nie abgeschlossen und so besteht seine Arbeitsvergangenheit aus der Aneinanderreihung verschiedener Jobs. Er arbeitete als Hirte, Farmarbeiter, Holzfäller, Hasenjäger (damals eine Plage in Central Otago), LKW Fahrer, Schädlingsbekämpfer, Busfahrer, Postbote (”jeden Tag 300 Meilen für 300 Briefkästen”) und schliesslich auch als Reiseführer. Mit Anfang 20 reiste John für zwei Jahre durch England und Europa. In Neuseeland wird so etwas kurz “OE” genannt - overseas experience. Er war fasziniert von der alten Geschichte Europas, merkte aber auch wie wichtig ihm die unberührte Natur seiner Heimat war. Der Besuch einer Jugendherberge in Österreich erwies sich als schicksalhaft für sein weiteres Leben. “Brot, Butter und Marmelade waren aus eigener Herstellung, das begeisterte mich total! Das wollte ich auch machen!”Zurück auf der Südinsel sparte er sich als Linienbusfahrer in Dunedin die Anzahlung für ein eigenes Stück Land zusammen. Mit seiner Frau hat er sich schliesslich vor 20 Jahren in der Golden Bay niedergelassen. “Als Selbstversorger führst du ein hartes Leben, gerade wenn dazu noch drei Kinder kommen. Aber wir haben die Hippie Idee vom Autark-Sein verwirklicht”, bemerkt John nicht ohne Stolz. Neben einem Obst- und Gemüsegarten gibt es bei den Stevens sogar eine Milchkuh und eine kleine “Tabakplantage”.
Wie lebt es sich denn in so einer kleinen, abgeschiedenen Gemeinde wie der Golden Bay, frage ich ihn. “Hier sind die Menschen viel netter und offener, als in den grossen Städten”, entgegnet er, “ausserdem kommt heutzutage die Welt zu uns!” Aber er vermisst den Besuch von grossen Konzerten und Open Air Festivals, aus finanziellen Gründen wird er sich das wohl erst im Rentenalter erfüllen können.

Cape Farewell

Nun ist es an der Zeit, die grüne Oase inmitten der Sanddünen zu verlassen. Auf der Rückfahrt treffen wir wieder auf allerhand Tiere: Austernfischer, Löffler und Raubmöven, in den Wellen spielt vergnügt eine junge Pelzrobbe. “Wenn du den Touristen die Siluetten vorbeiziehenden Orka-Wale zeigst und dann in ihre Gesichter blickst, weisst du, das du den richtigen Job hast”, erzählt mir John beiläufig. Ob ich beim Anblick des Seehunds ähnlich ausgesehen habe, denke ich mir? Gerade erreichen wir das Cape Farewell, den nördlichsten Punkt der Südinsel und das letzte Highlight unserer Tagestour. Von hoch aufragenden Klippen blicke ich auf die schäumenden Wogen der Tasman Sea, die aus dem weichen Gestein des Cliffs einen hervorragenden Bogen geformt habt. Ich denke über John Stevens nach, über seinen Lebensstil und sein ausgeglichenes, herzliches Wesen. “Gott zeigt sich für mich in der atemberaubenden Schönheit der Natur”, so sagt er. Und damit hat er irgendwie recht, wie ich finde.

Traurige Anekdote zum Schluss:
Mehrfach bemerke ich ein interessantes Strassenschild, das in deutscher Sprache auf den Linksverkehr hinweist. Wie John mir erklärt leben viele Deutsche in der Golden Bay, die meisten von ihnen kamen vor 20 Jahren. Leider waren die Verwandten und Besucher der “Neu-Kiwis” für einige Frontal-Crashs (teilweise auch mit tödlichem Ausgang) verantwortlich. Daraufhin sah sich die Gemeinde veranlasst, Hinweisschilder in deutscher Sprache aufzustellen.

one comment for “Farewell Spit Guide John Stevens, Golden Bay”

  1. rob_visual

    Sehr genialer Reisebericht. Was für ein traumhafer Strand. Da kann man ja richtig neidisch werden.

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