Gegen 8 Uhr treffe ich am Bahnhof ein, wobei man die unmotiviert auf der Hauptstrasse verlegten Gleise kaum als solchen bezeichnen kann. Immerhin gibt es einen Fahrkartenschalter, vor dem sich schon eine lange Schlange gebildet hat. Auch andere Touris, die gestern noch gut versteckt in ihren Hotels saßen, stehen alle bereit, den Zug in Besitz zu nehmen. Die Neckermänner besetzen schon mal den „primero classa“ Wagen, der auf dem Abstellgleis steht, während die restlichen Rucksack-Touristen sich Plätze auf den noch zu erwartenden Güterwaggons sichern wollen. Schließlich ist dass das Besondere an einer Fahrt mit dem Andenexpress von Alausi nach Bucay.
Als dann endlich der Zug einfährt, geht das Gedränge und Gerenne erst richtig los. Noch ist nicht klar, welche Waggons an den Zug angekoppelt werden, doch nach einigem Hin und Her und Vor- und Zurückrangieren ist der Zug endlich startklar und setzt sich mit normaler, zweistündiger Verspätung in Bewegung. Jetzt beginnt die spektakuläre Talfahrt durch die Anden, in das mehr als 1.000 Meter tiefer gelegene, tropische Bucay.
Ich sitze auf einem Dach zusammen mit dem Chefbremser, der durch ausgefeilte Gestik und Pfiffe den Zug mit Hilfe des Lokführers und den anderen Bremsern unter Kontrolle hält. Wir schlängeln uns durch enge, in den Fels gehauene Passagen, zur einen Seite geht es hunderte Meter nach unten, zur anderen Seite erheben sich die majestätischen, schneebedeckten Gipfel der Anden. Jetzt heißt es plötzlich „schnell hinsetzen und Köpfe einziehen!“, wir durchqueren einen Tunnel. Ich bin dankbar darüber, dass mittlerweile auch die Andenbahn auf Dieselloks umgestiegen ist, so habe ich nicht auch noch mit dem Rauch zu kämpfen und kann die Tunnelfahrt sogar genießen.
Eine besondere Spezialität dieser Strecke ist die Gleisführung im Zickzackkurs. Diese wird auf einem extrem steilen Abschnitt nötig, um den Zug auf möglichst kleiner Fläche möglichst viele Höhenmeter überwinden zu lassen. Vom Dach aus beobachte ich das Spektakel, wie wir erst in die eine Richtung fahren, dann die Weiche gestellt wird und wir Rückwärts in die andere Richtung rollen und das ganze ein paar mal.
Schließlich ändert sich die Landschaft stück für stück und die Anden treten langsam in den Hintergrund. Wo im Hochland noch Steinhäuser standen, gibt es jetzt fast nur noch Holzhütten. Die Luft ist schwül und stickig, es wird heiß. Je näher wir Bucay, unserer Endstation, kommen, desto ärmlicher wirken die Menschen, denen wir begegnen. Bananenplantagen säumen die Bahnstrecke und nach gut vier Stunden Fahrt verlasse ich meinen ungewöhnlichen Sitzplatz auf dem Zugdach und bin mir sicher, dass ich diese Bahnfahrt so schnell nicht vergessen werde.